Was bedeutet Wertschätzung eigentlich? Lass mich dir hierzu eine kleine Geschichte erzählen. Letztes Jahr, Sommer, von COVID-19 war noch keine Rede. Mit dampfender Kaffeetasse saß ich im Büro eines neuen Kunden – nennen wir ihn Herrn Meyer. Wir unterhielten uns über Führung, über unsere neue Arbeitswelt und seinen Hund Bobby, dessen Frühstück an diesem Morgen die feinen Ausgehschuhe der Ehefrau war. Plötzlich fiel mein Blick auf ein Blatt Papier, eine Liste aller Mitarbeiter, mit Kuli-Strichen neben dem jeweiligen Namen. Mein Gegenüber bemerkte mein Zögern und meine Verwirrtheit, grinste und zog, fast schon stolz, das Dokument zu sich herüber. „Das hier ist meine Lob-Liste“, erklärte Herr Meyer. Jedes Mal, wenn er einem Mitarbeiter auf die Schulter klopft und Lob ausspricht, wird ein Strich gemacht. So stellt er sicher, dass jeder die gleiche Aufmerksamkeit bekommt und er keinen vergisst. Toll, oder? 

Eine gut gemeinte Absicht: Mein Kunde sah „Loben“ als eine für ihn wichtige Führungsaufgabe an. Wie aber konnte er sicherstellen, dass sich alle Kollegen gleich wertgeschätzt fühlten? Was soll er denn zu den Mitarbeitern sagen, die stets durchschnittliche Leistung abliefern im Gegensatz zu denen, die Anforderungen regelmäßig übertreffen? Wie kann er seine Anerkennung so zeigen, dass sie auch wirklich ankommt? Kann man auch zu viel loben? Diese Fragen bereiteten Herrn Meyer Kopfzerbrechen und wie so häufig, schien eine Liste, die beste Lösung, um Ordnung ins Chaos zu bringen. 

Wertschätzung ist nicht gleich Anerkennung ist nicht gleich Lob

Was vielen nicht klar ist: Wertschätzung, Anerkennung und Lob lassen sich nicht in einen Topf werfen. Sie sind keine Synonyme, haben nicht den gleichen Effekt und beschreiben grundsätzlich unterschiedliche Konzepte im Umgang mit anderen. Die Abgrenzung und das Verständnis der verschiedenen Begriffe machen Führungskräften deutlich, dass sich ehrliche, bedingungslose Wertschätzung eben nicht mit Listen organisieren oder mit Gießkannen austeilen lässt. 

Wie also lassen sich die einzelnen Begriffe definieren? Schauen wir uns doch einmal an, wo die Unterschiede zwischen Wertschätzung, Anerkennung und Lob liegen. Vorweg, eine kurze Zusammenfassung:

  • Lob – spontane Form der Wertschätzung, bezogen auf vollbrachte Leistungen oder ein Verhalten
  • Anerkennung – Vermittelt für Mühen und Engagement, selbst dann, wenn diese nicht von Erfolg gekränt sind
  • Wertschätzung – positive, wohlwollende und bedingungslose Haltung sich selbst und anderen gegenüber, bezogen auf den Mensch selbst und nicht „nur“ dessen Leistung

Anerkennung als Überbegriff für Wertschätzung und Lob

Was ist eigentlich Lob?

Lob ist ein verbales Schulterklopfen, eine kurze, spontane Form der Wertschätzung. Bobby, der Hund meines Kunden, wird gelobt, wenn er das Stöckchen zurück bringt. Ein Kind wird gelobt, wenn es aufisst, ohne dass die Spaghetti auf dem Boden landen. Ein Mitarbeiter wird gelobt, wenn sie oder er eine Aufgabe korrekt ausführt: „Gut gemacht! Prima!“ 

In den meisten Fällen handelt es sich also um eine Art Bewertung innerhalb eines hierarchischen Machtverhältnisses, von oben nach unten. Die Anerkennung bezieht sich auf eine positive Handlung und es geht um ein Verhalten oder eine erbrachte Leistung, nicht unbedingt den Menschen selbst oder um die Anstrengung, die zum Erreichen dieses Ergebnisses von Nöten waren. 

Oft ist es eine pauschale Aussage und die einmalige, zeitnahe Honorierung einer Leistung. Danach wird ein Strichlein auf der Lob-Liste gemacht und wir gehen wieder zur Tagesordnung über. Viele Mitarbeiter, vor allem die selbstbewussten, empfinden dies allerdings als eher unangenehm oder sehen das Gesagte sogar als Manipulationsversuch an. Nur, wenn du dich so und so verhältst, wird dir der Kopf getätschelt. Nur, wenn du ablieferst, bist du „gut“. So verkommt Lob schnell als bloßes Mittel zum Zweck, als reines Zuckerbrot. Manche reagieren demzufolge abweisend, anderen geht das Lob des Chefs am Allerwertesten vorbei, wieder andere sind geradezu süchtig danach. 

Wertschätzung bedeutet nicht gleich Lob
Damit ein Lob wirklich ankommt, muss es möglichst konkret vor allem aber absolut authentisch sein. Es wirkt nur dann als Motivator, wenn der Mitarbeiter die echte Anerkennung hinter dem Gesagten spürt. Glaube mir, dein Gegenüber spürt, wenn dein Lob nicht aufrichtig ist. 

Was verstehen wir unter Anerkennung?

Hier wird die Differenzierung schon ein wenig schwieriger. Während es beim Loben lediglich um eine erbrachte positive Leistung geht, wird Anerkennung auch für die Mühen und den Einsatz vermittelt, den es gebraucht hat, um ein Ergebnis zu erzielen. Dabei ist es nicht ausschlaggebend, ob dieses erfolgreich war oder nicht. Der Fokus liegt ganz klar auf dem Positiven. 

Stellen wir uns vor, einem der Mitarbeiter von Herrn Meyer unterläuft ein Fehler und die Fertigstellung eines Projektes verzögert sich. Auch wenn das Endresultat bisher nicht erfolgreich ist, kann Anerkennung für die vollbrachten Überstunden, für das Engagement und den Einsatz gezeigt werden. 

Nicht selbstverständlich und schon gar nicht immer einfach: Wir sind darauf programmiert, nach Problemen zu suchen, Schwächen hervorzuheben und uns auf die Dinge zu fokussieren, die nicht gut funktionieren. Im Team werden dann diese Themen besprochen, statt die Aufmerksamkeit auf all die kleinen und großen (Teil-)Erfolge zu richten. 

Anerkennung zu schenken, bedeutet, dem Gegenüber das Gefühl zu vermitteln, seine Leistung – egal, wie diese aussieht – habe etwas zum großen Ganzen beigetragen. Positive Wirksamkeit zu empfinden, motiviert wiederum, macht uns selbstbewusster und motiviert intrinsisch. Also: Anerkennung und Wertschätzung sind perfekte Partner – langfristig und nicht nur für den spontanen Moment. 

Wirklich wirksam: Was bedeutet Wertschätzung?

Hier kommen wir auch schon zum Knotenpunkt der ganzen Verwirrung: Den Mitarbeiter wirklich wertzuschätzen braucht viel, viel mehr als nur gelegentliches Schulterklopfen. 

Wertschätzung kommt von Herzen. Sie ist eine aufrichtige, positive Grundeinstellung sich selbst und anderen gegenüber. Wertschätzung bedeutet, einen anderen Menschen wirklich wohlwollend wahrzunehmen – die ganze Person, nicht nur deren Leistung, deren Zertifikate und Meinung. Sie vermittelt dem anderen das Gefühl wertvoll zu sein und genau das ist eines der stärksten menschlichen Bedürfnisse. 

Warum Wertschätzung?

Klar, wir alle wollen, dass unsere Mühen und unsere Leistungen gewürdigt werden. Wir sind biologisch darauf ausgelegt, soziale Resonanz zu erfahren. Wir brauchen Feedback, wollen wirkungsvoll sein vor allem aber, wollen wir gemocht werden. 

Um in einem guten Licht dazustehen und die Anerkennung anderer zu gewinnen, verbiegen wir uns förmlich. Wir schlüpfen in die verschiedensten Rollen, holen das letzte bisschen aus uns heraus und versuchen es allen recht zu machen. Hauptsache wir werden gesehen. Hauptsache uns wird zugehört. 

„Nichts stimuliert uns so sehr, wie der Wunsch, von anderen gesehen zu werden, die Aussicht auf soziale Anerkennung, das Erleben positiver Zuwendung und die Erfahrung von Liebe. Kern aller Motivation ist also aus neurobiologischer Sicht, zwischenmenschliche Anerkennung, Wertschätzung und Zuwendung zu finden oder zu geben.“ – Gehirnforscher Prof. Dr. Joachim Bauer

Jeder Mensch sehnt sich nach Anerkennung, weil wir sie nicht aus uns selbst heraus generieren können und dafür auf andere angewiesen sind. Wer sich im Job nicht wirklich anerkannt fühlt, setzt dies schnell mit einer persönlichen Zurückweisung gleich. Bringt all unser Streben nichts, schalten wir ab. Pflichtmodus ist angesagt, in vielen Fällen sogar Kündigung. 

Die Hamburger Gehälter-Plattform Compensation Partner hat gemeinsam mit dem Vergleichportal gehalt.de 1.092 Arbeitnehmer, davon 60 Prozent Männer und 40 Prozent Frauen, gefragt, warum sie in der Vergangenheit gekündigt haben. Die meisten unter ihnen, 45 Prozent, gaben mangelnde Wertschätzung durch die Führungskraft als Kündigungsgrund Nummer 1 an. Dieser Faktor war wichtiger als gutes Gehalt, wichtiger als die Arbeitszeit und wichtiger als die Aufstiegsmöglichkeiten. 

Mitarbeiter kündigen, weil sie sich nicht wertgeschätzt fühlen

Die Unternehmen und Führungskräfte, denen die Bedeutung des menschlichen Bedürfnisses nach Wertschätzung klar ist, sind erfolgreich, sind produktiver, kreativer und innovativer. Motivation und Wertschätzung hängen eng zusammen. 

Durch Wertschätzung zu Wertschöpfung

Wer also zukünftig auf einem Markt des Fachkräftemangels, in einer neuen Arbeitswelt, erfolgreich und innovativ sein will, sollte eine Atmosphäre schaffen, die von Wertschätzung und Anerkennung geprägt ist. 

Wie? Dazu braucht es noch nicht einmal viel …

Wertschätzung muss nicht kompliziert sein

Tipp 1: Beginne bei dir selbst!

Respektierst du dich selbst? „Klar!“, magst du dir denken, aber ist das auch wirklich so? Aufrichtige Wertschätzung beginnt bei dir. Lerne dich so zu akzeptieren, wie du bist, mit deinen Stärken und Schwächen, und höre auf so streng mit dir selbst zu sein! 

Überlege dir, was es für dich bedeutet einen anderen Menschen wertschätzend zu behandeln und dann übertrage dieses Verhalten auf dich selbst! Jeder ist es wert wertgeschätzt zu werden. Achte dich selbst! Nur so, kannst du anderen wirkliche, bedingungslose Anerkennung schenken.

Tipp 2: Zeige Interesse an deinen Mitarbeitern!

Es gehört nicht viel dazu, sich wertschätzend zu verhalten. Begrüße deine Kollegen mit einem offenen Blick, lächle, frage nach, höre zu, zeige Interesse! Nimm die Werte, Standpunkte und Gefühle deiner Mitarbeiter ernst! So vermittelst du ihnen, dass du sie wirklich siehst und nur so kannst du wirklich herausfinden, was die Kompetenzen der individuellen Personen sind. 

Sprichst du die Stärken deiner Kollegen dann an, wirst du sehen, welch wahnsinnig positiven Emotionen du auslösen und wie du die intrinsische Motivation deiner Mitarbeiter anfeuern kannst. 

Tipp 3: Übertrage Verantwortung!

Einer der stärkstesn Ausdrücke von Wertschätzung in der Führung besteht darin, Mitarbeitern Verantwortung zu übertragen. Frage deine Kollegen nach ihrer Einschätzung und ihrer Meinung, beteiligen sie andere an Entscheidungen und delegiere Aufgaben. Wichtig ist, dass jeder geäußerter Vorschlag und jede Meinung respektvoll behandelt wird. Nur so kann psychological Safety und eine Atmosphäre geschaffen werden, in der jeder die eigenen Gedanken äußern kann, ohne die Sorge abgewiesen zu werden. 

Tipp 4: Aus Fehlern können Chancen werden.

Wir alle sind fehlbar, fehleranfällig und fehlerhaft und das ist auch gut so. Aus Fehlern können Chancen werden, aus Fehlern können wir lernen. 

Wie innovativ ein Unternehmen ist, hängt entscheidend von dessen Fehlerkultur ab. Das bedeutet, dass Führungskräfte Mitarbeitern auch dann Anerkennung entgegenbringen sollten, wenn diese Neues ausprobieren und experimentieren – auch, wenn es einmal schief gehen mag. 

Tipp 5: Verhalte dich authentisch und lobe aufrichtig!

Vor allem im Arbeitsleben ist und bleibt Lob ein wichtiger Ausdruck der verbalen Anerkennung und Wertschätzung. Daran ist auch nichts auszusetzen, solange, du lernst richtig zu loben. Was bedeutet das? Lobe konkret, persönlich, aufrichtig und ohne Einschränkung! Das heißt: keine Sandwich-Kritik! 

Wertschätzung bedeutet Sandwich-Kritik vermeiden

Wertschätzung als Voraussetzung für eine Vertrauensbasis

Gelebte Wertschätzung ist die wichtigste Voraussetzung für die Entwicklung einer Vertrauensbasis zwischen Führungskraft und Mitarbeiter. Das bedeutet allerdings nicht, dass du ab morgen mit einem Dauerlächeln durchs Büro spazierst oder Schulterklopfen als neue olympische Disziplin einführst. Stelle dir stattdessen ganz einfach folgende Fragen: Was schätzt du an anderen Menschen? Wie kannst du deinen Fokus verstärkt auf das Positive richten? Wie kannst du deinen Mitmenschen deine Anerkennung zeigen – verbal und nonverbal? 

Wertschätzung macht uns gesund, glücklich und Unternehmen erfolgreich. Dabei kommt es auf deine Grundhaltung an und darauf, dass Anerkennung wirklich von Herzen kommt. Kleine Gesten machen den Unterschied. Probier es aus!