Hat das alles überhaupt einen Sinn? Das ist eine große Frage, die hier gar nicht so philosophisch gemeint ist. Die Frage nach dem Sinn, dem Purpose, ist für Unternehmen zu einem wichtigen Thema geworden, das ganz praktische Folgen für den Arbeitsalltag hat. Denn heute wollen die Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen wissen, wofür sie etwas tun: Für viele hat die Sinnhaftigkeit der Arbeit enorm an Bedeutung gewonnen. Mehr noch: In schwierigen Zeiten entscheidet es mitunter über Wohl und Weh der ganzen Firma, ob die einzelnen den Sinn im Unternehmen sehen und diesen auch selber aktiv umsetzen können. Wer aber entscheidet überhaupt, worin der Sinn besteht, den in einem Unternehmen alle gemeinsam leben sollen?

Die Richtung finden: Wo liegt der Sinn?

Sinn ist natürlich nichts, was man einfach von oben diktieren und als Arbeitsanweisung ausgeben kann. Dennoch haben erst einmal die Führungskräfte die Zügel in der Hand. Sie geben die Richtung vor, und sie kümmern sich darum, dass alle das gleiche Ziel vor Augen haben. Vielen, die anfangen über ein sinnvolles – oder eher: sinnerfülltes – Unternehmensziel nachzudenken, erscheint das erst einmal ziemlich realitätsfern: Sinn zu stiften kommt dir vielleicht vor, wie ein zusätzlicher Aufwand, für den du in deinem täglichen Business gar keine Zeit findest. 

Leadership bedeutet über Sinnhaftigkeit nachzudenken

Wer sich der Sache aber dennoch annimmt, merkt schnell, dass sich die Investition auszahlt. Teammitglieder, die ihre Arbeit in den Auftrag eines gemeinsamen Ziels stellen und den Sinn in ihrer Tätigkeit sehen, sind motivierter. Wer den Sinn in seinem Tun sieht, wird sein Bestes geben, damit die gemeinsame Mission erfüllt wird. Die Beschäftigten werden selbständiger arbeiten und kreativer sein, wenn herausfordernde Situationen gemeistert werden müssen. Nicht zuletzt klappt auch die Zusammenarbeit im Team erfahrungsgemäß erheblich besser, wenn der Sinn dahinter wahrgenommen wird.

Reicht es denn dann also nicht, wenn die Kunden verstehen, wofür sie das Unternehmen brauchen? Wenn die Auftragsbücher voll sind und die Zahlen stimmen, ist dann nicht der Zweck erfüllt? Tatsächlich beweisen Statistiken seit langem, dass das höchstens die halbe Wahrheit ist. Zweck und Sinn sind nämlich ganz und gar nicht das gleiche.

Wenn es sinnvoll ist, sein Bestes zu geben, haben alle etwas davon

Man kann darüber streiten, ob mancherorts nicht viel über einen vermeintlichen tieferen Sinn geredet wird, wo nicht allzu viele echte Werte dahinter zu finden sind. Andererseits jedoch zeigen Befragungen, dass viele Beschäftigte erhebliche Gehaltseinbußen in Kauf nehmen würden, wenn ihre Arbeit nur ein bisschen sinnvoller wäre. Den Sinn der täglichen Arbeit zu definieren, kann für ein Unternehmen also bares Geld wert sein: Eine glückliche Belegschaft ist eine engagiertere, gewissenhaftere, zuverlässigere Belegschaft – alle legen sich einfach mehr für ihren Job ins Zeug. 

Ein Stichwort, das in diesem Zusammenhang gerade jetzt in aller Munde ist, ist Resilienz. Je fordernder die Zeiten sind, desto wichtiger ist es, dass die Angestellten sich schnell von Belastungen erholen. Und das gilt für beruflichen Stress nicht weniger, als für die private Lebenssituation. Wir wissen heute, dass Arbeitnehmer, die einen Sinn in ihrer täglichen Arbeit sehen, mit Herausforderungen ganz im Allgemeinen besser umgehen können. 

So eng Purpose und Resilienz aber auch zusammenhängen mögen: Die Definition eines Sinns sollte natürlich nicht erst in den Blick geraten, wenn das Unternehmen in der Krise steckt. Sinn zauberst du nicht wie das weiße Kaninchen aus dem Hut, um dein Publikum zu begeistern. Damit Sinn über den Zweck hinaus weist, sollte er mit Werten gefüttert werden. Und diese Werte gibt’s nicht von der Stange; sie müssen glaubwürdig und schlüssig mit dem Unternehmen verbunden sein. Nur dann kann der Sinn auch wirklich von allen Beteiligten wahrgenommen und gelebt werden.

Wie wichtig ist Sinnempfinden?

Ein Baukasten für den Sinn

Was ist aber nun dieser ganz spezielle Sinn in einem Unternehmen? Wodurch zeichnet sich die Mission aus, welcher Vision folgt das Unternehmen, was ist das gemeinsame Credo? Den Sinn im Unternehmen herauszuarbeiten, ist eine spannende Aufgabe – und keine Sorge: Du musst dafür das Rad nicht neu erfinden. Der Sinn hinter dem Tun mag eine sehr individuell empfundene Angelegenheit sein. Und doch setzt sich Sinnhaftigkeit aus wenigen Bausteinen zusammen, die sich im Sinn-Kosmos in unterschiedlicher Zusammensetzung wiederholen. Es ist ganz wie das Universum selbst: Unendliche Weiten, große Geheimnisse, wenn man aber wissen will, ob auf einem Planeten Leben möglich ist, so muss man einfach nach Wasser suchen. Die komplexesten Gefüge sind manchmal ganz einfach, wenn man auf die Einzelteile schaut.

Tragende Säulen: Die beiden Achsen des Sinns

Das individuelle Wertegefüge verläuft zunächst einmal entlang einer Achse zwischen dem Bedürfnis Breite zu schaffen an einem Pol und dem Bedürfnis nach einem gemeinsamen Fokus auf der anderen. Das heißt einerseits, sich von anderen zu unterscheiden und sich abzugrenzen, die eigene Kreativität auszuleben und eben sein ganz persönlich Bestes zu geben. Am anderen Ende dieser Achse steht der Wunsch, sich gemein zu machen, indem man das gemeinsame findet, in Kontakt zu bleiben, an andere anzuschließen, sich miteinander zu verbinden.

Auf der zweiten Achse in dieser Konstellation – der Querachse sozusagen – bewegt man sich zwischen der eigenen Position und der Rolle der Anderen, zwischen sich selbst und der Außenwelt: Im Meeting sind das diejenigen, die mit am Tisch sitzen (oder heute eher: diejenigen, die sich in der Videokonferenz den Bildschirm teilen), auf das Unternehmen bezogen sind es Kunden und Partner wie auch Konkurrenten. Zu dieser Außenwelt gehören darüber hinaus auch abstrakte und weniger leicht zu fassende Faktoren, wie beispielsweise Organisationen, Interessengruppen oder auch einfach höhere Mächte: die politische oder wirtschaftliche Großwetterlage etwa.

Sinn-Matrix - Grafik Sinnhaftigkeit

Die Bausteine, die Sinn ergeben

Was sind das nun für Bausteine, die wir zwischen diesen Achsen hin- und herschieben? Da ist zunächst einmal das Selbstbewusstsein – und zwar ganz wörtlich gemeint: das Bewusstsein der eigenen Person, eine Gewissheit darüber, was das Selbst ausmacht. Mit welchen Kräften wirkt jeder einzelne auf das Große und Ganze ein? Welche Kompetenzen bringen die Beschäftigten mit, wie entsteht Wirkung mit Blick auf das gemeinsame Ziel? Wer sieht, wie er seine Fähigkeiten und Stärken einbringen kann, wird mehr zum gemeinsamen Projekt beitragen, als derjenige, der sich nicht wahrgenommen fühlt. Der erste Sinn-Baustein ist also die Gewissheit der eigenen Wirkung.

Der zweite, nicht weniger existenzielle Baustein der Sinnhaftigkeit im Unternehmen ist die Sichtbarkeit eben dieser Wirkung. Alle in einem Unternehmen wollen gleichermaßen, dass ihre Leistung gesehen wird. Nur dann erfahren alle das, was sie tun, als relevant. Im idealen Fall funktioniert das wie ein chemischer Prozess: Dein Unternehmenserfolg ergibt sich nicht aus der Summe der einzelnen Beiträge. Durch die Sichtbarkeit der eigenen Wirkungsmacht stellen die Mitarbeiter ihre eigenen Bedürfnisse zurück, um stattdessen von den Wechselwirkungen zu profitieren – es kommt mehr heraus, als jeder einzelne reingegeben hat.

Ein weiterer Baustein, um Sinn im Unternehmen aufzubauen, ist Authentizität. Gemeint ist hier nicht die Wahrhaftigkeit der verschiedenen Personen. Es geht vielmehr um die Frage: Überzeugt mich das, was mir hier als Purpose präsentiert wird? Ist es stimmig zu dem, was für mich ganz persönlich Sinn stiftet? Nur wenn eine Identifikation der Angestellten mit dem Unternehmen und dem Unternehmensziel erreicht wird, können auch alle dieses gemeinsame Ziel ansteuern.

Mit dem letzten Baustein schließlich ergibt sich das Große und Ganze: Das Unternehmensziel fügt sich ein schlüssiges und deshalb überzeugendes Wertesystem ein, das eben Sinn ergibt. In einem Unternehmen ist jeder mit jedem verbunden, jeder bringt alle Bezüge aus seinem Umfeld mit in dein Sinngefüge und trägt umgekehrt das Entstandene nach draußen. Um wieder auf die Achsen des Sinns zu kommen: Das Selbst und die Außenwelt werden zu einer Einheit. Gleichzeitig finden sich das Bedürfnis nach Individualität und der Wunsch nach Gemeinsamkeit in der Mitte. Das ergibt Sinn.   

Was meinst du?